Berufliche Entscheidungen und Identität

Univ.-Doz. Ralph Sichler

Von den gegenwärtigen gravierenden Veränderungen in der Arbeits- und Wirtschaftswelt sind auch die individuellen, beruflichen Entscheidungen der Menschen in unserer Gesellschaft in hohem Ausmaß betroffen. Immer seltener besitzen die Ausbildungs- und Berufswahlen von Personen lebenslange Gültigkeit. Vielmehr kommt es im Lauf einer Berufsbiographie mehr und mehr – sowohl aufgrund von Veränderungen im Arbeitsmarkt selbst, aber auch aus individuellen Beweggründen heraus – zu neuen Weichenstellungen und beruflichen Umbrüchen sowie zu Verschiebungen der Gewichte zwischen Arbeit und Privatleben. Im Projekt ist vorgesehen zu untersuchen, wie zugrunde liegende, vorherrschende Präferenzsetzungen (Prinzipien, Werte, Interessen, Motive, etc.) in berufliche Entscheidungsprozesse einfließen und diese beeinflussen.

Es wird davon ausgegangen, dass das dem Paradigma des homo oeconomicus entsprechende SEU-Entscheidungsmodell (subjective expected utility) solche Entscheidungsprozesse weder strukturell noch temporal adäquat zu erfassen in der Lage ist. Deshalb sollen vor allem solche theoretischen Ansätze als paradigmatischer und begrifflicher Rahmen für die Beschreibung von Entscheidungsprozessen Berücksichtigung finden, die die Hierarchisierung und selbstreflexive Bewertung von Präferenzsetzungen beinhalten, z. B. das Konzept der kognitiven Redetermination von Dietrich Dörner oder das aus der sozialphilosophischen Subjekttheorie Charles Taylors (Sources of the Self) stammende Konzept der starken und schwachen Wertungen. Ferner wird davon ausgegangen, dass berufliche Entscheidungen eng mit der Konstitution und Transformation beruflicher Identität einhergehen. Auch hier bietet das SEU-Modell keine wirklichen Anknüpfungsmöglichkeiten.

Empirisch sollen zunächst mithilfe von problemzentrierten und biographischen Interviews Präferenzsetzungen und Entscheidungsverläufe exploriert werden. Dabei werden im Rahmen von Längsschnittstudien mehrere Interviews in sinnvollen Abständen bei denselben Personen durchgeführt. U. a. soll ermittelt werden, wie berufliche Entscheidungen vorbereitet, durchgeführt und im Nachhinein bewertet werden. Die Erhebung, Auswertung und Interpretation der verbalen Daten folgt den Richtlinien der Grounded Theory. Auf dieser Basis werden Theorien und Konzepte zum Prozess beruflicher Entscheidungen entwickelt. Darauf aufbauend sollen dann in einem zweiten Schritt Hypothesen formuliert und geprüft werden. Bei der Vorbereitung des Projekts kann auf theoretische Vorarbeiten der Habilitationsschrift und auf derzeit laufende Pilotstudien zur beruflichen Sozialisation und Berufswahlmotivation zurückgegriffen werden.