Integration revisited. Über Verschränkungen von (hegemonialen) Integrationsdiskursen und Alltagsprax

Integration revisited. Über Verschränkungen von (hegemonialen) Integrationsdiskursen und Alltagspraxen.


Projektteam: Mag.a Sasa Duric, Mag.a Katharina Hametner & Mag.a Daniela Pertl

Im europäischen Raum sind Integrationsdebatten seit Jahren Teil eines öffentlichen Diskurses. Sie problematisieren vermehrt ‘Multikulturalismus’ als gescheitert und befürworten demgegenüber eine assimilatorisch verstandene kulturelle Integration von ‘MigrantInnen’ (Alexander, 2013; Kaya, 2012; Hess & Moser, 2009). Über die inhaltliche Ebene hinausgehend transportiert dieser Diskurs, in der Art und Weise wie über ‚MigrantInnen‘ gesprochen wird, dichotomisierende und wertende Zuschreibungen. Über eine Gegenüberstellung von scheinbar unvereinbaren Widersprüchen – ‚wir‘ vs. ‚die anderen‘, ‚westlich-moderne Werte‘ vs. ‚vormodern-traditionelle Werte‘ – werden (nationale) Zugehörigkeiten konstruiert. Dabei wird über die Abgrenzung von scheinbar ‚Anderen‘ ein anzustrebendes Ideal des ‚Eigenen‘ konstruiert (Said, 1978; Hall, 2000). Jenem Definitionsakt ist dabei stets ein Ausgrenzungsmechanismus inhärent, durch den diejenigen ausgeschlossen werden, die diesem Ideal nicht entsprechen. Dieser Prozess des ‘Otherings’ (Spivak, 1985) vollzieht sich nicht nur auf einer sprachlich-symbolischen Ebene, sondern impliziert ebenso einen materiell-strukturellen Niederschlag. Die Einführung von Integrationskursen und Staatsbürgerschaftstests, wie sie in den letzten zehn Jahren im europäischen Raum (Kostakopoulou, 2010) erfolgt ist, kann als eine derartige Materialisierung gesehen werden. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch für Österreich (Bauböck & Perchinig, 2006; Plutzar, 2010) nachzeichnen. Gleichzeitig bedeuten diese sprachlich-symbolischen sowie materiell-strukturellen Ordnungen aber auch Effekte für die Alltagspraxis der in sie verwobenen Subjekte. Nicht nur legen diskursive Ordnungen Subjekten gewisse Subjektpositionen nahe, sie machen auch Positionierungen, Aushandlungsprozesse und Umgangsweisen im Rahmen dieser nahelegten Subjektpositionen auf handlungspraktischer Ebene notwendig.

Das Forschungsinteresse dieses Projekts richtet sich nun am Beispiel in Österreich eingeführter und praktizierter Integrations’maßnahmen‘ auf ebendiese Verschränkung von diskursiver Ebene und kollektiver bzw. individueller Alltagspraxis. Im Fokus steht dabei die Analyse von Integrationskursen und Staatsbürgerschaftstests, deren politische und mediale Verhandlung, sowie deren Einschreibung in die Alltagspraxis der ‚zu Integrierenden‘ und der Dominanzgesellschaft.
Forschungsleitende Fragen sind dabei:

Wie werden (nationale) Zugehörigkeiten und Ausgrenzungen diskursiv konstruiert?
Wie schreiben sich diese Diskurse in die Alltagspraxis der Subjekte ein?
Welche Subjektpositionen stehen für Mehrheits- und Minderheitsangehörige in diesem Rahmen zur Verfügung und auf welche Weise werden sie ausverhandelt?
Um diesen Forschungsfragen nachzugehen, werden Diskurs- und Subjektebene als verschränkt verstanden. So konstruieren (hegemoniale) Integrationsdiskurse Subjektpositionen (z.B. ‚wir‘ vs. ‚die anderen‘), Individuen identifizieren sich mit diesen Zuschreibungen auf verschiedene Art und Weise, lehnen diese ab, oder wirken selbst auf die Diskurse ein (insofern sie die Möglichkeiten dazu haben). Mittels einer Methodentriangulation von Diskursanalysen (Jäger, 2004; Keller, 2007) sowie der dokumentarischen Auswertung (Bohnsack, 2008; Przyborski, 2004) von Gruppendiskussionen (Bohnsack, 2008) und narrativen Interviews (Schütze, 1983) sollen die dialektischen Mechanismen an den Schnittstellen dieser Ebenen erfasst und ausgelotet werden. Dabei werden einerseits für die Beantwortung der Fragestellung relevante Materialien diskursanalytisch ausgewertet (z.B. Kursmaterialien von Modulen, die im Rahmen der Integrationsvereinbarung absolviert werden müssen, Lernunterlagen für die österreichische Staatbürgerschaftsprüfung, die Wertefibel des österreichischen Integrationsstaatsekretariats, die Integrationsindikatoren, Artikel in den Printmedien, die rund um die Einführung bzw. Veröffentlichung der oben genannten Materialien und Maßnahmen publiziert wurden). Andererseits werden zentrale handlungsleitende Orientierungen von Mehrheits- und Minderheitsangehörigen aus Gruppendiskussionen und Interviews (z.B. mit TeilnehmerInnen sowie AnbieterInnen von ‚Integrationskursen‘, MitarbeiterInnen der mit der Abwicklung von Integrationsmaßnahmen betrauten Magistratsabteilungen) mittels dokumentarischer Methode rekonstruiert.
Ziel der Studie ist es, einer einseitigen Betrachtung der diskursiven Ebene insofern entgegenzuwirken, indem die Selbstpositionierungen von Individuen, deren Alltagspraxis und die subjektkonstituierende Wirkung von Diskursen und deren Interferenz analysiert und die Schnittstellen zwischen diesen Ebenen zum eigentlichen Erkenntnisgegenstand gemacht werden (Tuider, 2007; Spies, 2010). Dabei geht es zum einen um eine kritische Relektüre des österreichischen Integrationsdiskurses und das Herausarbeiten, der darin enthaltenen Subjektpositionen. Zum anderen soll ein fundiertes Verständnis der Wirkmächtigkeit von Integrationsdiskursen gewonnen werden und sichtbar gemacht werden, inwiefern Individuen diese in ihrer Alltagspraxis (re)produzieren, bestätigen oder ablehnen. Auf diese Weise wird ein Blick auf eine bis dato in der Forschung bestehende Leerstelle möglich: die Verschränkung der diskursiven Verhandlung von Integration mit der damit verbundenen Alltagspraxis.

Literatur:

  • Alexander, J. C. (2013). Struggling over the mode of incorporation: backlash against multiculturalism in Europe. Ethnic and Racial Studies, 36(4), 531-556.
  • Bauböck, R. & Perchinig B. (2006) ‘Migrations- und Integrationspolitik’. In: H.Dachs et al. (Hrsg.Innen.), Politik in Österreich. Das Handbuch, Wien: Manz: 726-742.
  • Bohnsack, R. (2008). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
  • Hall, S. (2000). The West and the Rest: Discourse and Power. In: Hall, Stuart; Held, David; Hubert, Don & Thompson, Kenneth (Hrsg.). Modernity. An Introduction to Modern Societies. Oxford: Blackwell: 184-228.
  • Hess, S. & Moser, J. (2009). Jenseits der Integration. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Debatte. In: S. Hess; J. Binder & J. Moser (Hrsg.Innen). No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. Bielefeld: trancript:11-25.
  • Jäger, S. (2004). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster: Unrast.
  • Kaya, A. (2012). Backlash of multiculturalist and republicanist policies of integration in the age of securitazion. Philosophy Social Criticism, 38(4-5), 399-411.
  • Keller, R. (2007). Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. (3., aktualisierte Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Kostakopoulou, D. (2010) Matters of control: integration tests, naturalisation reform and probationary citizenship in the United Kingdom. In: Journal of Ethnic and Migration Studies, 36(5), 829-846.
  • Plutzar, V. (2010): Sprache als „Schlüssel“ zur Integration? Eine kritische Annäherung an die österreichische Sprachenpolitik im Kontext von Migration. In: Langthaler, Herbert (Hg.): Integration in Österreich. Sozialwissenschaftliche Befunde. Innsbruck; Wien; Bozen, S. 123-142.
  • Przyborski, A. (2004). Gesprächsanalyse und dokumentarische Methode. Qualitative Auswertung von Gesprächen, Gruppendiskussionen und anderen Diskursen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Said, E. (1978). Orientalism. New York: Vintage.
  • Schütze, F. (1983). Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 3, 283-293.
  • Spies, T. (2010). Migration und Männlichkeit. Biographien junger Straffälliger im Diskurs. Bielefeld: transkript Verlag.
  • Spivak, G. C. (1985): The Rani of Simur. In: Francis Barker et al (Hrsg.Innen): Europe and its Others. Vol. 1. Colchester: University of Sussex.
  • Tuider, E. (2007): Diskursanalyse und Biographieforschung. Zum Wie und Warum von Subjektpositionierungen. In: Forum Qualitative Sozialforschung. (Vol. 8/2). http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-07/07-2-6-d.htm [letzter Zugriff: 1.3.2012]