Psychologische Testverfahren während der NS-Zeit

Zur Geschichte der Einbindung psychologischer Testverfahren in den Kontext der Wiener Jugendfürsorge während der NS-Zeit

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Benetka und Mag. Dr. Clarissa Rudolph

Das hier vorgestellte Forschungsvorhaben kann auf umfangreichen und zu einem großen Teil auch schon veröffentlichten Vorarbeiten aufbauen (Benetka, 1995, Benetka, 1997, Rudolph, 2004, Rudolph, 2008, Rudolph & Benetka, 2007a u. 2007b). Im Folgenden soll der bislang erarbeitete Kenntnisstand zusammenfassend referiert werden:

Den Ausgangspunkt für die in Wien bereits sehr früh erfolgte Einbindung psychologischer Testverfahren in die Fürsorgepraxis bildetet die an der im Dezember 1911 neu eröffneten Universitätskinderklinik eingerichtete Heilpädagogische Abteilung, an die eine Beobachtungsstation für „geistig abnorme und schwererziehbare Kinder“ angeschlossen war. Diese Heilpädagogische Abteilung wurde von dem Pädiater Erwin Lazar geleitet. Diese Heilpädagogische Abteilung wurde von dem Pädiater Erwin Lazar geleitet. Schon in den Jahren zuvor war Lazars Forschungsschwerpunkt die Differentialdiagnostik von „erworbenen“ und „angeborenen“ Formen der „Dissozialität“ gewesen. Zu diesem Zweck begann er ein eigenes, stark an das Staffelsystem von Binet und Simon angelehntes Verfahren zur Intelligenzprüfung zu entwickeln. Erworbene Dissozialität galt als therapierbar; Kinder mit angeborenen Formen sollten in reinen Aufbewahrungsanstalten untergebracht werden.

Für das Kinder- und Jugendfürsorgewesen im „Roten Wien“ bekam die Lazarsche Beobachtungsstation eine Art Vorbildfunktion. In so genannten Kinderherbergen wurden eigene Stationen eingerichtet: 1925 zunächst in der Kinderherberge „Am Tivoli“, nach deren Schließung 1928 im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg. 1934 – die Ära der soziademokratischen Stadtverwaltung war zu Ende – wurde die Beobachtungsstation von dort in das Zentralkinderheim transferiert. Die Aufgabenstellung blieb über die politische Zäsur hinweg dieselbe: „auffällige“ Kinder und Jugendliche – vom Säuglingsalter bis zum Erreichen der Volljährigkeit – die der öffentlichen Fürsorge überstellt worden waren, sollten auf ihre psychischen und physischen Fähigkeiten hin untersucht und aufgrund der Ergebnisse der Begutachtungen über ihre weitere Unterbringung entschieden werden. Wichtigstes psychologisches Hilfsinstrument waren dabei Intelligenzprüfungen – allerdings nicht nach dem von Lazar vorgeschlagenen Verfahren, sondern nach dem von Bobertag für den deutschen Sprachraum adaptierten Staffelsystem von Binet und Simon.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Intelligenztests im Kontext der Jugendfürsorge zunächst noch nicht von Fachpsychologen durchgeführt wurden, sondern an der Universitätskinderklinik von Ärzten und an der gemeindeeigenen Beobachtungsstation von Erziehungsberatern und Fürsorgerinnen. Psychologen konnten schließlich in diesem Bereich nur deshalb Fuß fassen, weil das Binet-Simonsche Verfahren zur Testung von Kleinkindern nicht geeignet war. Die für die weitere Entwicklung entscheidende Weichenstellung erfolgte an der 1925 neu eröffneten Städtischen Kinderübernahmsstelle.
Alle der öffentlichen Fürsorge übergebenen Kinder wurden zunächst für eine 16- bis 21tägige Quarantäne in eine der Abteilungen der Kinderübernahmsstelle aufgenommen. Der Neubau im 9. Wiener Gemeindebezirk war wie eine perfekte panoptische Anstalt konzipiert. An jeder Station konnten von einem zentralen Gang aus alle mit Säuglingen, Klein- und Schulkindern belegten Zimmer eingesehen werden, weil die Wände zum Gang hin und die Wände zwischen den Zimmern aus Glas waren. Von 1926 an öffnete der zuständige Stadtrat Julius Tandler diese Einrichtung für die psychologische Forschung. Unter der Leitung von Charlotte Bühler und ihrer Mitarbeiterin Hildegard Hetzer konnten Studenten des Wiener Psychologischen Instituts das Panoptikon zu Verhaltensbeobachtungen an Säuglingen und Kleinkindern nutzen. Ziel der vielen 24stündigen Dauerbeobachtungen an einzelnen Kindern war es, so genannte Verhaltensinventare für die verschiedenen Lebensalter zu erstellen. Als praktisch verwertbares Resultat dieser Untersuchungen entstand ein neues Testsystem: die Wiener Kleinkindertests, mit Testreihen für die ersten Lebensmonate bis hinauf zum sechsten Lebensjahr. (Bühler & Hetzer, 1932)

Es war – wie noch zu zeigen sein wird – dieses Testsystem, dem bei der Einbindung von FachpsychologInnen in das System der öffentlichen und privaten Kinder- und Jugendfürsorge eine entscheidende Rolle zukommen sollte. Mitverantwortlich dafür dürfte gewesen sein, dass gerade auch von medizinischer Seite aus sehr früh schon auf die Brauchbarkeit der Entwicklungsprüfungen nach Bühler und Hetzer für die Früherkennung angeborener Schwachsinnzustände im Zusammenhang mit dem Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses hingewiesen wurde (Vowinckel, 1936). Der Umstand, dass von etwa 1940 an Hildegard Hetzer damit beauftragt war, innerhalb der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt ein Netz von unter psychologischer Leitung stehender Erziehungsberatungsstellen aufzubauen, mag zudem dazu beigetragen haben, die Akzeptanz des Testsystems im Bereich der Kinder- und Jugendfürsorge zu erhöhen. Schließlich ging es auch dabei vor allem um Selektion: um die Auslese „aufwandwürdiger“ Kinder für die „Elitefürsorge“ der NSV.

Clarissa Rudolph hat in ihrer erst kürzlich fertig gestellten Dissertation (Rudolph, 2008). anhand der Tätigkeit der Kinderpsychologin Edeltrud Baar die Funktion psychologischer Gutachten im Rahmen der so genannten Kindereuthanasie Am Spiegelgrund dargelegt. Baar hatte vorwiegend Kleinkinder mit den Bühler-Hetzer-Verfahren getestet. In einer von Benetka und Rudolph gemeinsam publizierten Studie (Benetka & Rudolph, 2008) wurde schließlich die Gutachtertätigkeit von Igor Caruso Am Spiegelgrund untersucht. Caruso begründete 1947 den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie und war später Professor für Psychologie an der Universität Salzburg.

Projektziele

1. Den beiden letzt genannten Arbeiten liegt die Auswertung des 561 Krankengeschichten umfassenden Bestands von Am Spiegelgrund verstorbenen Kindern im Wiener Stadt- und Landesarchiv zugrunde. Für ihre Dissertation hat Frau Rudolph auch ausgewählte Akten aus den Krankengeschichten von überlebenden Kindern herangezogen. Diesen Aktenbestand gilt es im Zuge des vorgeschlagenen Forschungsvorhabens nun systematisch zu erfassen und in Bezug auf die darin enthaltenen psychologischen Gutachten hin auszuwerten.

2. Die gezielte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ in der Kinder- und Erwachseneneuthanasie stellte den Endpunkt einer Entwicklung dar, der letztlich schon im Sommer 1933 mit dem Erlass des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses der Wege bereitet worden war. Auf die Rolle psychologischer Gutachten bei der Durchführung dieses Gesetzes ist in der Literatur gelegentlich aufmerksam gemacht worden (erstmals Benetka, 1997); systematisch untersucht wurde dieser Sachverhalt bislang noch nicht. Diese Forschungslücke soll mit dem gegenständlichen Forschungsprojekt geschlossen werden.

Literatur

  • Benetka, Gerhard, (1995). Psychologie in Wien. Sozial- und Theoriegeschichte des Wiener Psychologischen Instituts 1922-1938. Wien: WUV
  • Benetka, Gerhard, (1997). „Im Gefolge der Katastrophe …“ Psychologie im Nationalsozialismus. In Paul Mecheril u. Thomas Teo (Hg.), Psychologie und Rassismus. Reinbek: Rowohlt, S. 42-72
  • Benetka, Gerhard, (2007). Psychologie und Fürsorge. Zur Geschichte psychologischer Berufstätigkeit im Nationalsozialismus. In Josef Hödl, Klaus Posch u. Peter Wilhelmer (Hg.), Sprache und Gesellschaft. Gedenkschrift für Hans Georg Zilian. Wien: Verlag Österreich, S. 433-446
  • Bühler, Charlotte u. Hetzer, Hildegard, (1932).Kleinkindertests. Entwicklungstests für das erste bis sechste Lebensjahr. Leipzig: Hirzel
  • Rudolph, Clarissa, (2004). Kontinuität oder Bruch? Zur Geschichte der Intelligenzmessung im Wiener Fürsorgesystem vor und in der NS-Zeit. Diplomarbeit, Universität Wien
  • Rudolph, Clarissa, (2008). „Ich ersuche höflich um Anstellung als Kinderpsychologin in der Wiener städtischen Nervenklinik für Kinder…“ Zur Professionalisierung der Psychologie am Beispiel des Wiener Fürsorgewesens in der NS-Zeit. Dissertation, Universität Wien
  • Rudolph, Clarissa u. Benetka, Gerhard, (2007a). Kontinuität oder Bruch? Zur Geschichte der Intelligenzmessung im Wiener Fürsorgesystem vor und in der NS-Zeit. In Ernst Berger (Hg.), Verfolgte Kindheit. Kinder und Jugendliche als Opfer der NS-Sozialverwaltung. Wien: Böhlau, S. 15-40
  • Rudolph, Clarissa u. Benetka, Gerhard, (2007b). Zur Geschichte des Wiener Jugendamts.. In Ernst Berger (Hg.), Verfolgte Kindheit. Kinder und Jugendliche als Opfer der NS-Sozialverwaltung. Wien: Böhlau, S. 47-88
  • Vowinckel, Elisabeth, (1936). Erbgesundheitsgesetz und Ermittlung kindlicher Schwachsinnszustände. Stuttgart: Enke