Gegenwärtige soziale Spaltungsprozesse und Radikalisierungstendenzen in Deutschland zeigen – bei aller Unterschiedlichkeit – eine wiederkehrende Thematik: sie stellen Zugehörigkeitsgefühle und -bedürfnisse in den Mittelpunkt, die durch Konfliktdynamiken vielfältigster Art geprägt sind. Ungeklärt ist, inwiefern diese konfliktbezogenen Aushandlungen von Zugehörigkeiten mit einer ungenügenden bzw. noch stattfindenden Aufarbeitung der deutschen Nachkriegszeit, der ehemaligen DDR und ihren inneren Widersprüchen und Transformationsprozessen ab 1989 zusammenhängen. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, rückt dieses Forschungsprojekt die psychologische als auch sozialpolitische Gewordenheit von Zugehörigkeitserleben und -bedürfnissen aus der Perspektive junger Menschen und ihren Familien in den Mittelpunkt.

Bezugstheorien des Forschungsvorhabens sind, erstens, Dealing with the past–Ansätze; zweitens, Perspektiven der sozialpsychologischen Friedens- und Konfliktforschung, die subjektives Erleben in der Verknüpfung mit gesellschaftspolitischen Prozessen untersuchen. Drittens, wird auf ein psychosoziales Zugehörigkeitskonzept zurückgegriffen, das sowohl die emotionale Dimension von Zugehörigkeitserleben, als auch die ideologische und politische Dimension von Zugehörigkeitsgrenzen mitdenkt. Viertens, wird jenes psychosoziale Zugehörigkeitskonzept biographie-theoretisch erweitert, um damit Zugehörigkeitskonstruktionen und -erleben in ihrem lebensgeschichtlichen Verlauf und in der historischen Gewordenheit interpretieren zu können.

Projektteam

Projektleitung 
Dr. David Becker

Projektmitarbeiter:innen
Leonard Brixel, MA., Dr.in Sara Paloni, Mag.a.phil. Mia Neuhaus, MA., Lukas Müller, BA., Theo Fehse, BA.

Methode

Zwei Gruppen von Berufsschüler*innen aus zwei unterschiedlichen Berufsschulen in Berlin/Brandenburg bilden das Sample. Das Forschungsdesign besteht aus zwei Strängen: erstens aus einem offenen qualitativen Zugang, der es ermöglicht die Komplexität der Entwicklung und Aushandlung von biografisch determinierten sozialen Zugehörigkeiten und den damit verknüpften Gefühlslagen Rechnung zu tragen (Gruppendiskussionen und biographische Interviews); und zweitens aus Ansätzen, die die aktive Beteiligung, Mitgestaltung und Kritik der jungen Erwachsenen am Forschungsprozess vorsieht, sprich einen partizipativen und transformativen Ansatz (Workshop-Format).

Fragestellung(en) und Hypothesen

  • Welche Zugehörigkeitserfahrungen machen Angehörige der Nach-Nachwendegeneration und wie hängen diese mit den Lebenserfahrungen der Eltern- und Großeltern-Generation zusammen?
  • Welche emotionale Beschaffenheit haben Zugehörigkeitserfahrungen und wie sind diese verknüpft mit historischen und gegenwärtigen Achtungs- und Missachtungsverhältnissen?
  • Welche Transformations- und Gestaltungsperspektiven ergeben sich für die Nach-Nachwendekinder aus der Auseinandersetzung mit der eigenen (persönlichen und gesellschaftlichen) Geschichte?

Wissenschaftliche und praktische Relevanz

Diese Forschung stellt einen innovativen Beitrag für die friedenswissenschaftliche Politikberatung dar, weil darin der Blick auf Konfliktdynamiken in einem westlichen und hochindustrialisierten Land in Europa gerichtet wird und bestehende theoretische Perspektiven aus der Friedens- und Konfliktforschung auf diese Region angewendet werden. Darüber hinaus ist es das Ziel, im Sinne der Aktionsforschung gemeinsam mit jungen Menschen in Deutschland Ansätze der Konflikttransformation zu erarbeiten, die bei ihrem Erleben von Zugehörigkeit/en ansetzen und in weiterer Folge in bedarfsorientierte Bildungsangebote in der Friedensarbeit münden kann.

Fördergeber

Deutsche Stiftung Friedensforschung

Projektlaufzeit

15.04.2021 bis 15.10.2022

Bei Interesse am Forschungsprojekt kontaktieren Sie bitte leonard.brixel@sfu-berlin.de