Forschungsprojekt | “Jede Wahl ein Albtraum“
Partizipative Aktionsforschung zur Emotionsarbeit von Wiener Frauenberater*innen im Spannungsfeld von Beratung und Bürokratie
Mitarbeiter*innen von Frauenberatungsstellen sind mit zunehmend unsicheren Förderbedingungen und zusätzlicher bürokratischer Arbeitsbelastung konfrontiert. In unserem Forschungsprojekt untersuchen Universitätsforscher*innen der SFU gemeinsam mit drei Praxisforscher*innen der Beratungsstellen Frauen* beraten Frauen* und Peregrina, welche emotionalen Widersprüche Mitarbeiter*innen unterschiedlicher autonom organisierter Wiener Frauen- und Mädchenberatungsstellen erleben und welche Emotionsarbeit damit verbunden ist. Zudem wollen wir erforschen, welche strukturellen und organisationalen Bedingungen diese Emotionsarbeit prägen und aufrechterhalten, welche Konsequenzen damit einhergehen und welche Strategien die Mitarbeiter*innen anwenden, um mit Herausforderungen in ihrer Arbeit umzugehen.
Ziel ist es, in einem partizipativen Prozess bestehende Strategien zu explorieren und weiterzuentwickeln, um Überlastung zu vermeiden und Sorgebeziehungen produktiv zu stärken. Die Ergebnisse sollen nicht nur zur wissenschaftlichen Theoriebildung beitragen, sondern auch in die Praxis zurückwirken:
- durch Leitfäden für Bürokratiearbeit für (Frauen)Beratungsstellen sowie deren Fördergeber,
- durch je einen Workshop mit allen Wiener Frauen- und Mädchenberatungsstellen und mit Fördergebern sowie durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit.
Projektteam
Projektteam
Projektleitung
Nora Ruck (nora.ruck@sfu.ac.at)
Projektteam
- Sara Paloni (sara.paloni@sfu.ac.at)
- Anoel Alshuth (anoel.alshuth@sfu.ac.at)
Co-Forscher*innen im Rahmen des Projektes
Universitätsforscher*innen:
- Ass.Prof.in Dr.in Nora Ruck (Sigmund Freud PrivatUniversität)
- Dr.in Sara Paloni (Sigmund Freud PrivatUniversität)
- Anoel Alshuth, BSc. (Sigmund Freud PrivatUniversität)
Praxisforscher*innen:
- Dr.in Sigrid Awart (Peregrina)
- Dr.in Andrea Kaiser-Horvath (Peregrina)
- Dr.in Bettina Zehetner (Frauen* beraten Frauen*)
Methode
Methode
“Jede Wahl ein Albtraum” orientiert sich am Ansatz der Critical Participatory Action Research, um in der Zusammenarbeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen gemeinsam Wissen zu schaffen und Veränderungen anzustoßen (Torre & Fine, 2019). Dr. Bettina Zehetner von Frauen* beraten Frauen sowie Dr. Sigrid Awart und Dr. Andrea Kaiser-Horvath von Peregrina hatten sich bereits im vorangegangenen Forschungsprojekt für die Bezeichnung “Praxisforscherinnen” entschieden. In sogenannten partizipativen Kontaktzonen (Torre et al., 2008, S. 24) sind die Praxisforscherinnen neben den Universitätsforscher*innen unmittelbar am Forschungsprozess beteiligt und können ihr kontextuelles, praktisches Wissen einbringen. So wurden die Fragestellung und das Forschungsdesign mit den Praxisforscherinnen gemeinsam entschieden.
Da der Forschungsgegenstand durch gemeinsame Erfahrungen im Berufsfeld strukturiert ist, eignet sich das Gruppendiskussionsverfahren nach Bohnsack (1989) als Datenerhebungsmethode (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014). In Gruppendiskussionen werden geteilte Wissensbestände artikuliert, die sich in der institutionellen Struktur der Frauenberatungsstelle bilden (Bohnsack, 1989). Geplant sind Gruppendiskussionen mit den Teammitgliedern aller Frauen- und Mädchenberatungsstellen in Wien, die im Netzwerk Österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen organisiert sind.
Neben den Gruppendiskussionen wird von jeder beteiligten Beratungsstelle von der Geschäftsführung die Organisations- und Förderstruktur in einem gemeinsam mit den Praxisforscherinnen entwickelten Kurzfragebogen erfasst, um die Ergebnisse der Gruppendiskussionen mit diesen Rahmenbedingungen in Beziehung setzen zu können. Dieser Kurzfragebogen erfasst zudem den Aufwand für Bürokratiearbeit in den jeweiligen Beratungsstellen und ob diese bei den Fördergebern abgerechnet werden kann oder unbezahlt erfolgt.
Für die Auswertung der Daten wird die Reflexive Grounded Theory-Methode nach Breuer et al. (2019) angewendet.
Die Auswertung des Materials wird aufgrund der methodologischen Fachkenntnisse teil-partizipativ gestaltet (Schlingmann, 2020) und zunächst durch Universitätsforscher*innen durchgeführt. Anschließend werden die Ergebnisse in Interpretationsworkshops mit den Praxisforscherinnen kommunikativ validiert und in Interventionsworkshops zu anwendbaren Lösungsansätzen für die berufliche Alltagspraxis weiterentwickelt, um das generierte Wissen öffentlich nutzbar zu machen (Fine & Torre, 2019).
Fragestellung(en) und Hypothesen
Fragestellung(en) und Hypothesen
- Welche emotionalen Widersprüche erleben Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Wiener Frauenberatungsstellen und welche Emotionsarbeit ist damit verbunden?
- Welche strukturellen und organisationalen Bedingungen prägen die Emotionsarbeit der Mitarbeiter*innen der Frauenberatungsstellen und halten diese aufrecht?
- Welche Konsequenzen gehen damit einher und welche Strategien wenden Mitarbeiter*innen der Beratungsstellen an, um mit Herausforderungen in ihrer Arbeit umzugehen?
Wissenschaftliche und praktische Relevanz
Wissenschaftliche und praktische Relevanz
Frauenberatungsstellen leisten unverzichtbare Arbeit für die psychosoziale, juristische und medizinische Versorgung von Frauen in Wien. Diese als Non-Profit bzw. Non-Governmental Organisationen meist autonom organisierten Einrichtungen übernehmen wesentliche Aufgaben in der Gesellschaft (siehe Gubitzer & Mader, 2011). Frauenberatungsstellen, wie der soziale Dienstleistungssektor allgemein, sind in den letzten Jahrzehnten damit konfrontiert, zunehmend Zeit und Ressourcen in den finanziellen Erhalt der Organisation und in die Dokumentation von öffentlichen Förderungen zu investieren, was in der Literatur als Ökonomisierung und NGOisierung sozialer Einrichtungen kritisch diskutiert wird. Dadurch verändern sich Organisationsstrukturen, Prioritäten bezüglich der beruflichen Aufgaben, Arbeitsbedingungen, aber auch Arbeitsbeziehungen und Verantwortungsverteilung in den Teams der Frauenberatungsstellen (siehe Alvarez, 1999; Zehetner, 2020; Ana, 2023; Lang, 2023).
Es existieren bereits vielfältige Forschungen zu finanziellen und strukturellen Veränderungen im NGO-Sektor einerseits sowie zu Emotionsarbeit andererseits. Wir haben in einem partizipativen Projekt bereits begonnen, die emotionalen Widersprüche von Frauenberaterinnen zu erforschen, allerdings nur in Form einer Case Study, deren Ergebnisse kaum generalisierbar sind. “Jede Wahl ein Albtraum” will diese Forschungslücke schließen.
Ziel des Projekts ist es, Emotionsarbeit in Wiener Frauenberatungsstellen als unsichtbare, aber zentrale Dimension von Frauenberatung unter NGOisierungsbedingungen zu erforschen. Die Ergebnisse sollen nicht nur zur wissenschaftlichen Theoriebildung beitragen, sondern auch in die Praxis zurückwirken: durch Leitfäden für Bürokratiearbeit für Frauenberatungsstellen sowie deren Fördergeber, durch je einen Workshop mit allen Wiener Frauen- und Mädchenberatungsstellen und mit Fördergebern sowie durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit.
Fördergeberin
Fördergeberin
- Stadt Wien
- Fördersumme: 50 000,00 €
Projektlaufzeit
Projektlaufzeit
November 2025 – April 2027
Bezug zu vorhergehenden Forschungsarbeiten
Bezug zu vorhergehenden Forschungsarbeiten
Wie sich in den Vorläuferprojekten “The Psychological Is Political“ (FWF Einzelprojekt, 2018-2022) und “Feministisch-psychologische Stimmen in Wien” (Stadt Wien, 2022-2023) zeigte, verrichten Mitarbeiter*innen von Frauenberatungsstellen nicht nur Beratungstätigkeiten mit Klient*innen, sondern auch Finanzierungs- und Dokumentationsarbeit mit einem beträchtlichen Belastungsausmaß .
Unser Vorläuferprojekt “The Psychological is Participatory” (FWF TCS, 2022-2024) konnte in einem partizipativen Forschungsprozess mit drei Praxisforscherinnen der Frauenberatungsstellen Frauen* beraten Frauen* und Peregrina (Dr.in Bettina Zehetner, Dr.in Andrea Kaiser-Horvath, Dr.in Sigrid Awart) zeigen, dass Frauenberater*innen emotionale Widersprüche und Konflikte erleben zwischen den Anforderungen, die eigene Organisation zu erhalten und gleichzeitig eine hohe Qualität an Beratungstätigkeiten zu gewährleisten. Diese Widersprüche zu navigieren erfordert Emotionsarbeit, die wir in “Jede Wahl ein Albtraum” genauer untersuchen.
Bei Interesse am Projekt kontaktieren Sie nora.ruck@sfu.ac.at oder sara.paloni@sfu.ac.at.