PSY | Auf den Spuren der Wiener Psychologie: ZHAW-Studierende zu Gast an der SFU Wien
Im Mai 2026 begrüßte die Fakultät für Psychologie der SFU Wien eine Gruppe von Psychologiestudierenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die im Rahmen eines von Daniela Borgese und Filomena Sabatella geleiteten Seminars nach Wien gereist waren.
Nach einem Einblick in die Arbeit des Kinderpsychologischen Zentrums der SFU stand am Nachmittag ein besonderes Highlight auf dem Programm: eine ebenso fundierte wie spannende Stadtführung durch das „Psychologische Wien“, geleitet von Dekan Univ.-Prof. Gerhard Benetka. Dabei erhielten die Studierenden einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte der Psychologie sowie ihrer zentralen Akteure an den historischen Schauplätzen der Stadt (siehe Nachlese).
Die SFU Wien begrüßt ausdrücklich den fachlichen Austausch mit anderen Hochschulen und unterstützt Initiativen, die Studierenden ermöglichen, unterschiedliche akademische Perspektiven kennenzulernen und internationale Netzwerke aufzubauen.
Nachlese Stadtführung „Psychologisches Wien“
Nachlese Stadtführung „Psychologisches Wien“
Treffpunkt Palais Epstein und die Wiener Schulreform
Treffpunkt für die Führung war das Palais Epstein am Karl Renner-Ring. In der Zwischenkriegszeit war dort im Gebäude des Stadtschulrates als der pädagogischen Leitzentrale der Wiener Schulreform das von Karl und Charlotte Bühler geleitete Wiener Psychologische Institut untergebracht.
Dekan Benetka erläuterte vor der 1995 enthüllten Gedenktafel für Karl und Charlotte Bühler die Gründungsgeschichte des Instituts, die eng mit der Schulpolitik des Roten Wiens verbunden war.
Vorbei am Denkmal der Republik und am Parlament erhielten die Schweizer Studierenden einen Überblick über die Geschichte der Wiener Ringstraße – der vom Parlament zum Rathaus, Burgtheater und Universität führende Teil ist architektonischer Ausdruck der selbstbewussten Hochzeit des Liberalismus.
Palais Lieben-Auspitz, Freud und Franz Brentano
Das Palais Lieben-Auspitz, in dem das Café Landtmann untergebracht ist, bildete die zweite Station der Führung. Im ersten Stock lebte der Bankier Leopold von Lieben, der mit der Baronesse Anna Freiin von Todesco verheiratet war.
Anna von Lieben war in den Jahren 1887/1888 und nochmals 1893 eine Patientin Sigmund Freuds, in den 1895 erschienenen Studien über Hysterie wird sie unter dem Pseudonym Cäcilie M. eingeführt. Freud hat seine Patientin als ‚Lehrmeisterin‘ bezeichnet und damit darauf hingewiesen, wie viel die Entdeckung der Psychoanalyse gerade seinen frühen Patientinnen verdankte.
Die therapeutische Behandlung der Baronesse brachte Freud in Kontakt mit Franz Brentano, der seit 1880 mit Ida von Lieben, der Schwester von Leopold von Lieben, verheiratet war und im dritten Stock des Palais Lieben-Auspitz lebte.
Brentano, der als katholischer Priester und Philosoph eine Stellungnahme gegen das 1870 am I. Vatikanischen Konzil verkündeten Infallibilitätsdogma verfasst und drei Jahre später sein Priesteramt zurückgelegt hatte, war 1874 gegen den Widerstand klerikal-konservativer Kreise auf ein Ordinariat für Philosophie an die Universität Wien berufen worden. Im selben Jahr erschien seine „Psychologie vom empirischen Standpunkte“.
Neben Freud zählten zu den Hörern seiner Wiener Vorlesungen Christian von Ehrenfels (der den Begriff der Gestaltqualität in die Fachliteratur einführte), Alexius Meinong (Gründer des ersten experimentalpsychologischen Laboratoriums an einer österreichischen Universität in Graz), Franz Hillebrand (Gründer des experimentalpsychologischen Instituts an der Universität Innsbruck) und der später erste Staatspräsident der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš G. Masaryk, und allen voran auch Edmund Husserl, auf den die im 20. Jahrhundert und bis heute einflussreiche philosophische Richtung der Phänomenologie zurückgeht.
Weil Brentano als ehemaliger Priester befürchtete, dass die Katholische Kirche Einspruch gegen seine Verehelichung erheben könnte, legte er vor seiner Heirat seine österreichische Staatsbürgerschaft und damit auch seine Professur an der Universität Wien zurück, um als sächsischer Staatsbürger in Leipzig Ida von Lieben zu heiraten. Nach der Rückkehr des Paars nach Wien weigerte sich Kaiser Franz Joseph in der Folge beharrlich, die Wiedereinsetzung Brentanos als Professor zu unterzeichnen.
14 Jahre lang lehrte Brentano an der Universität als Privatdozent; nach dem Tod seiner Frau verließ er 1895 Österreich. In der Neuen Freien Presse veröffentlichte er eine dreiteilige Serie von Artikeln unter der Überschrift ‚Meine letzten Wünsche für Österreich‘. Die drei Wünsche lauteten:
- mehr Dankbarkeit;
- eine Reform des Eherechts;
- die Gründung eines Psychologischen Instituts an der Universität Wien (die, wie zu Anfang der Führung erläutert wurde, erst unter Karl Bühler 1922 gelungen ist).
Brentano ging nach Florenz; nach dem Kriegseintritt Italiens übersiedelte er 1915 in die Schweiz und verstarb schließlich am 17. März 1917 in Zürich.
Karl von Motesiczky, Wilhelm Reich und der Widerstand
Mit der Familie Lieben-Auspitz ist noch eine andere, tragische Geschichte verknüpft.
Der Enkel von Anna von Lieben, Karl von Motesiczky, ein enger Freund und Förderer von Heimito von Doderer, lernte zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin Wilhelm Reich kennen, dessen Patient und Schüler er wurde. 1933 folgte er seinem Lehrer nach Dänemark und dann nach Norwegen ins Exil, wo er zu den engen Mitarbeitern in Reichs Sexpol-Arbeit zählte.
Zum Jahreswechsel 1937/38 kehrte Motesiczky nach Wien zurück; nach dem sogenannten Anschluss gehörte er zusammen mit Ella und Kurt Lingens einer politischen Widerstandsgruppe an, die verfolgten Juden zur Flucht aus Österreich verhalf.
Zu Beginn der 1940er Jahre ließ er sich im institutionellen Kontext der Wiener Arbeitsgruppe des in Berlin von einem Cousin von Hermann Göring geleiteten Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie unter August Aichhorn zum Psychoanalytiker ausbilden.
1942 wurden Motesiczky und Ella Lingens aufgrund einer Denunziation verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Motesiczky wurde 1943 ermordet; Ella Lingens, die Mutter des bekannten österreichischen Journalisten und langjährigen Herausgeber der Wochenzeitschrift Profil, Peter Michael Lingens, überlebte Auschwitz als Häftlingsärztin.
Der Salon der Berta Zuckerkandl
Im Zusammenhang mit dem Palais Lieben-Auspitz noch zu erwähnen ist, dass von 1917 an im vierten Stock die mit dem Anatomieprofessor Emil Zuckerkandl verheiratete Schriftstellerin Berta Zuckerkandl ihren in der ganzen Stadt bekannten Salon führte, in dem regelmäßig an Sonntagen Honoratioren aus Politik, Wissenschaft und Kunst zusammentrafen.
Ernst Mach und der Wiener Kreis
Die dritte Station war die am 12. Juni 1926 im Rathauspark neben der Universität enthüllte Büste von Ernst Mach; das Haupt des Wiener Kreises. Der später an der Universität auf der Philosophenstiege ermordete Philosophie-Professor Moritz Schlick hatte zu diesem Anlass die Festansprache gehalten.
Der 1834 in der Nähe von Brno in Mähren geborene Ernst Mach hatte an der Universität Wien Physik, Mathematik und Philosophie studiert und war nach seiner Promotion (1860) und Habilitation (1861) 1864 nach Graz berufen worden, zunächst als Professor für Mathematik, ab 1866 als Professor für Physik.
Im Wintersemester 1867/68 erfolgte seine Berufung an die Universität Prag, 1895 die Ernennung in Wien auf ein Ordinariat für Philosophie, insbesondere Geschichte der induktiven Wissenschaften (eigentlich wollte Mach die Widmung seiner Professur für Psychologie haben).
Mach erlitt 1898 einen Schlaganfall; 1901 legte er seine Professur zurück. Er starb 1916 in München.
Machs Lehrkanzel wurde zunächst von Ludwig Boltzmann übernommen; nach dessen Freitod in Duino blieb sie mehrere Jahre lang verwaist, bis 1910 Adolf Stöhr berufen wurde. Nach Stöhrs Tod 1921 wurde im Herbst des folgenden Jahres Karl Bühler als Nachfolger ernannt.
Machs Bedeutung für die Psychologie
Mach gilt als Wegbereiter des Logischen Positivismus, nicht umsonst bezeichnete sich der Popularisierungsverein des Wiener Kreises als ‚Verein Ernst Mach‘.
Seine Bedeutung für die Geschichte der Psychologie ist kaum zu überschätzen. In seinem erstmals 1886 unter dem Titel Beiträge zur Analyse der Empfindungen erschienenen Buch geht Mach davon aus, dass die äußere und die innere Welt aus einer begrenzten Zahl an gleichartigen Elementen (‚Empfindungen‘) besteht.
Diese Elemente sind zu flüchtigeren, bald festeren Verbindungen zusammengesetzt, die als physische Körper, unser Leib und auch als psychische Komplexe aufgefasst werden. Ob ein Element als psychisch oder als physisch aufgefasst wird, hängt davon ab, in welcher Beziehung es zu anderen Elementen gesetzt wird.
Eine ‚Farbe‘ ist ein physisches Objekt, wenn wir sie in ihrer Abhängigkeit z.B. von der beleuchtenden Lichtquelle beachten, und ein psychologisches Objekt, wenn wir sie in ihrer Beziehung zu ‚leiblichen‘ oder besser: physiologischen Vorgängen beachten.
Die Untersuchungsrichtung der Psychologie besteht also darin, dass sie psychische Komplexe in ihrer funktionalen Beziehung zu physiologischen Prozessen thematisiert. Die Pointe dieses Ansatzes liegt darin, dass sich Physik und Psychologie mit ein und derselben Wirklichkeit befassen. Nicht der Stoff, sondern die Untersuchungsrichtung ist in beiden Gebieten verschieden.
Der Arkadenhof der Universität Wien
Die vierte Station bildete die Führung durch den Arkadenhof der Universität. Die neue Universität am Ring wurde 1884 in Betrieb genommen; das erste Denkmal wurde 1888 im Hof aufgestellt.
Bis 2002 wuchs die „plastische Repräsentation der universitären Wissenschaft“ (so heißt es in der Selbstdarstellung der Universität) auf mehr als 150 Exponate an. Die einzige Frau, die bis dahin Berücksichtigung fand, war keine Wissenschaftlerin: die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach.
2016 wurden endlich sieben Denkmäler für Frauen aufgestellt, darunter mit Charlotte Bühler und Marie Jahoda für zwei Wissenschaftlerinnen, die in der Zwischenkriegszeit am Wiener Psychologischen Institut tätig gewesen waren.
Das waren dann auch die letzten Exponate, die hinzugekommen sind: Ende Juni 2024 fasste der Senat den Beschluss, keine weiteren Denkmäler mehr aufzustellen.
Liebiggasse 5 und die Freud-Stele
Im Anschluss führte der Spaziergang hinter der Universität am Gebäude Liebiggasse 5 vorbei, in dem das Wiener Psychologische Institut seit 1934 untergebracht war.
Von dort ging es zum Sigmund Freud Park, wo Dekan Benetka an die vielen Fehlleistungen bei der Enthüllung der Freud-Stele 1985 erinnerte: an das falsche Zitat (fälschlicherweise „Die Stimme der Vernunft ist leise“ statt „Die Stimme des Intellekts ist leise“; der Hinweis auf das falsche Buch, aus dem das falsche Zitat stammen sollte: statt aus Die Zukunft einer Illusion aus Das Unbehagen in der Kultur); schließlich an den Umstand, dass das nun berichtigte Zitat eben das Gegenteil von dem suggeriert, was Freud an der zitierten Stelle eigentlich sagen wollte: Dass die Stimme des Intellekts zwar leise sei, sich aber mit der Zeit gegen alle Widerstände doch Gehör verschaffe).
Hotel Regina, Freud-Museum und Schwarzwald-Schule
Hinter der Votiv-Kirche liegt das Hotel Regina, in dem Besucher Freuds (wie Sándor Ferenczi) untergebracht wurden und das Ehepaar Bühler jeden zweiten Mittwoch ihr Postkolloquium mit Studierenden und Gästen des Psychologischen Instituts abhielt.
Vom Hotel Regina ging es die Berggasse hinunter zum Freud-Museum, von dort über den Schlick-Platz zum Ring und wieder hinauf zur Universität, um den Studierenden das Café Central und das Gebäude zu zeigen, in dem sich in der Zwischenkriegszeit das berühmte Café Herrenhof befand.
Im Obergeschoß des hinteren Teils des Gebäudes mit dem Eingang Wallnerstraße 9 war seit 1913 die Schwarzwald-Schule untergebracht. Eugenie Schwarzwald hatte von 1895 bis 1900 an der Universität Zürich Germanistik studiert (die Universität Zürich war damals die einzige Hochschule im deutschen Sprachraum, die Frauen als Studierende zugelassen hatte).
Ab Oktober 1901 führte die ‚Frau Doktor‘, wie man sie nannte, (wenn auch zunächst offiziell noch nicht unter ihrem Namen) ein Mädchenlyzeum am Franziskanerplatz, das 1905 das Öffentlichkeitsrecht erhielt und nach und nach zu einem Schulzentrum (mit koedukativer Volksschule, Mädchenrealgymnasium und Fortbildungskursen) ausgebaut wurde.
Das Mädchenrealgymnasium bestand seit 1911; es war das erste Gymnasium in Österreich, an dem Mädchen maturieren konnten.
Als Lehrer wirkten an der Schule: Oskar Kokoschka, Adolf Loos, Arnold Schönberg, Egon Wellesz und Hans Kelsen (der die österreichische Verfassung ausgearbeitet und an der Schwarzwald-Schule Soziologie unterrichtet hat).
Zu den nachmals berühmt gewordenen Frauen, die Schülerinnen waren, zählen die Freud-Töchter Sophie und Anna Freud, die Pionierin der Kunsttherapie Edith Kramer, die Schauspielerinnen Elisabeth Neumann-Viertel und Helene Weigel, die Schriftstellerin (und Bühler-Schülerin) Hilde Spiel, die Psychiaterin, Neurologin und Psychoanalytikerin Else Pappenheim und viele andere mehr.
Die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle und Marienthal
Mit der Adresse Wallnerstraße 8, dem Palais Geymüller, wurde 1931 die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle gegründet.
In engem Zusammenhang mit dem Wiener Psychologischen Institut wurden von der Forschungsstelle unter der Leitung von Paul Lazarsfeld und dann von Marie Jahoda Auftragsforschungen (vor allem Marktuntersuchungen) für private Unternehmen durchgeführt. Aus deren Erlös versuchte man sozialpsychologisch relevante empirische Studien (z.B. zur Psychologie von Volkshochschulhörer:innen oder zu Programmwünschen von Radiohörer:innen) zu finanzieren.
Die bekannteste Studie, die im Kontext der Forschungsstelle entstanden ist, ist „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1933) – eine Untersuchung über die psychischen und sozialen Wirkungen lang andauernder Arbeitslosigkeit.