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PSY | Nachruf auf Professor Giselher Guttmann

Mit großer Betroffenheit und tiefer Trauer geben wir bekannt, dass Univ. Prof. Dr. Giselher Guttmann verstorben ist.

Ein Nachruf von Gerhard Benetka

Giselher Guttmann (2.10.1934 – 24.7.2026)

Als in den 1980er Jahren eine Gruppe von österreichischen Künstlern und Wissenschaftlern auf eine Reise quer durch das von Ronald Reagan regierte Amerika geschickt wurde, um das Land mit österreichischer Kultur bekannt zu machen, war auch Giselher Guttmann dabei. In Kalifornien sollte er gemeinsam mit Peter Vitouch einen historischen Film über Bewegung und Tanz diskutieren. Bei der Live-Aufführung wurde der falsche Film eingelegt: ein Lehrfilm über eine neue Technik für Hüftoperationen. Guttmann hat mir erzählt, wie Vitouch und er die Situation zu meistern versuchten. Und dann der Nachsatz: „Ich glaube aber, wir sind in schlechter Erinnerung geblieben.“ Ich musste herzhaft lachen, als ich diesen Satz wiedergelesen habe. Wie sehr werden mir solche Geschichten, diese Freude am Skurrilen, der Humor, der immer schwarz war, weil Humor im Grunde schwarz ist, schwarz wie eben ein Schimmel weiß ist, wie sehr wird Giselher Guttmann mir fehlen. Und nicht nur mir. Mit seinem Tod geht eine Epoche zu Ende – eine Epoche, in der Wissenschaft nicht bloß ein Beruf, sondern noch eine Lebensform gewesen ist: eine Lebensform, bestimmt von Neugier und dem Willen, mit den Denkwerkzeugen der Wissenschaft die Welt und damit auch sich selbst ein wenig besser zu verstehen.

Giselher Guttmann wird am 2. Oktober 1934 geboren, der Vater ist Opernregisseur, die Mutter Krankenschwester. Seine Kindheit verbringt er zu einem großen Teil bei Verwandten in der Steiermark, so ist er dann auch vor den im März 1944 beginnenden Luftangriffen auf Wien sicher. Als Gymnasiast beginnt er extern am Reinhardt-Seminar Schauspiel und Sprechtechnik zu studieren, er tritt auf kleineren Bühnen und im Radio bei Hörspielen auf. Am Konservatorium der Stadt Wien inskribiert er Schlagzeug und verkehrt im Strohkoffer, einem Kellerlokal in der Innenstadt, in dem sich die Avantgarde trifft: Rainer, Artmann, Hundertwasser, Mikl, Rühm und andere, mit denen Guttmann sich damals befreundet. Als er an der Universität Wien inskribiert, wechselt er in ein anderes soziales Milieu. Er beginnt Biologie zu studieren, der viersemestrige Vorlesungszyklus Allgemeine Psychologie von Hubert Rohracher bringt ihn zur Psychologie. Von seinem dritten Studiensemester an ist er am Psychologischen Laboratorium an der Psychiatrischen Universitätsklinik, wo er sich gründlich mit der klinisch- psychologischen Diagnostik vertraut macht. Zwei Jahre später baut er – immer noch als Student – im psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof die Testpsychologie auf. 1959 wird er wissenschaftliche Hilfskraft am von Rohracher geleiteten Wiener Psychologischen Institut. Dort arbeitet er vor allem mit Erich Mittenecker zusammen. Über Mitteneckers Interesse an Perseverationstendenzen im Verhalten ist er mit der Anwendung formalwissenschaftlicher und insbesondere informationstheoretischer Verfahren auf psychologische Fragestellungen befasst. Als Walter Toman, dessen Engagement für die Psychoanalyse sein Ausscheiden aus dem Wiener Psychologischen Institut erzwungen hat, ihm eine Stelle anbietet, geht er mit ihm nach Erlangen. Noch immer ohne Promotion, kann er – was normalerweise Professoren und ihren habilitierten Assistenten vorbehalten ist – selbständig Vorlesungen anbieten. Neben seiner Lehrverpflichtungen schaut er sich in der Psychiatrie um, er lernt die klinische Anwendung des EEGs kennen und dann – am Physiologischen Institut in Erlangen, damals eine technische Sensation – die Technik der Ableitung sensorisch evozierter Potentiale. 1963 promoviert Guttmann an der Universität Wien mit einer Dissertation über die differentialdiagnostische Bedeutung von Mitteneckers Zeigeversuch, 1965 kehrt er an das Wiener Psychologische Institut zurück und wird von Rohracher mit dem Aufbau eines EEG-Labors beauftragt. 1968 habilitiert er sich für Psychologie, unmittelbar danach erhält er eine außerordentliche Professur für experimentelle und angewandte Psychologie. 1972 wird er als Nachfolger von Hubert Rohracher auf jenen Lehrstuhl berufen, den von 1922 bis 1938 Karl Bühler, der Gründer des Wiener Psychologischen Instituts, innegehabt hatte.

Will man Guttmanns vielfache Beiträge und bahnbrechende Leistungen in der EEG-Forschung für die Psychologie auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so lässt sich festhalten: erstens das fortgesetzte Interesse an technischen Weiterentwicklungen; zweitens die Anwendung elaborierter formalwissenschaftlicher Methoden zur Analyse des Hirnstrombilds; und drittes die Anwendungsoffenheit der dabei entstehenden Grundlagenforschung. Zunächst zu den sensorisch evozierten Potentialen, die eine objektive Messung von Wahrnehmungsfähigkeiten ermöglichen. In Zusammenarbeit mit der II. HNO-Universitätsklinik und Kurt Burian werden sie in der EEG-Audiometrie mit Säuglingen und Kleinkindern umgesetzt. Die weitreichenden erkenntnistheoretischen Folgen, die mit dieser Ableitungstechnik verbunden sind, werden Guttmann erst Jahre später bewusst. Es ist am Anfang nichts als eine Alltagsbeobachtung, die das Thema seiner Habilitationsschrift aus 1968 bildet: Bietet man eine längere Reihe von immer gleichen Tönen, so werden bisweilen einzelne davon etwas leiser, andere hingegen etwas lauter empfunden. Guttmann kann zeigen, dass die akustisch evozierten Potentiale in dieser Situation dem subjektiven Erleben und nicht den objektiven Reizgegebenheiten folgen. Man erinnere sich daran, welche Wendung Umberto Maturana seinen eigenen und, was die Fragerichtung betrifft, durchaus ähnlich gelagerten Untersuchungen an der Froschretina gegeben hat, die damals, zur selben Zeit wie Guttmanns Habilitationsschrift, international breit rezipiert werden: Wenn es – um Maturanas Einsicht aus den Experimenten der Farbwahrnehmung von Fröschen (und später auch anderen Tieren) auf Guttmanns Befunde am Menschen hin zu (re-)formulieren – keine eindeutige Korrespondenz zwischen den physikalischen Reizgegebenheiten und dem neuralen Geschehen, wohl aber eine eindeutige Korrespondenz zwischen neuralen Vorgängen und psychischem Erleben gibt, dann ist die Auffassung der Realität nicht primär durch die objektive Beschaffenheit der physikalischen Welt, sondern durch die neurobiologische Konstitution unserer Nerventätigkeit bestimmt. Maturana wäre begeistert gewesen, hätte er Guttmanns Befund gekannt – ein Befund, der dem damals völlig neuen Konzept eines neurobiologischen Konstruktivismus gerade auch auf menschlichem Niveau zusätzlich empirische Plausibilität verleihen hätte können.

Das Paradebeispiel für die Fruchtbarkeit der Anwendung formalwissenschaftlicher Methoden zur Auswertung des EEGs ist, was Guttmann als ‚individuelle Vorzugsfrequenz‘ bezeichnet: Das einer Fourier-Analyse unterzogene Hirnstrombild lässt erkennen, dass nicht alle Frequenzbänder gleich stark besetzt sind, sondern dass es bei jedem Menschen ein dominierendes Frequenzband gibt. Aus der informationstheoretischen Beschreibung der Folgen von Intensitätsschwankungen zeigt sich, dass sich innerhalb dieser individuellen Vorzugsfrequenz von Person zu Person wieder Unterschiede in Bezug auf die Vorhersagbarkeit der Spannungsänderungen finden. Tatsächlich erweist sich der Redundanzgrad der Vorzugsfrequenz als ein gegenüber wechselnden äußeren Bedingungen und körperlichen wie psychischen Belastungen überraschend stabiler individueller Kennwert, der eine persönlichkeitstypische Funktionseigenheit widerspiegelt, die wiederum mit anderen differentialpsychologischen Merkmalen in Beziehung zu setzen ist.

Typisch für die Anwendungsoffenheit der auf das EEG gestützten Grundlagenforschung (die allgemein auf die Identifizierung von objektivierbaren biologischen Vorgängen, die Veränderungen im psychischen Erleben begleiten, ausgerichtet ist) sind die praktischen Umsetzungen der im EEG-Labor am Wiener Psychologischen Institut unter maßgeblicher Beteiligung von Herbert Bauer entwickelten Versuchsanordnung zur Registrierung kortikaler Gleichspannungsveränderungen. Einer Batterie vergleichbar, ist die Gehirnoberfläche, über einen längeren Zeitraum konstant bleibend und sich nur langsam ändernd, elektronegativ aufgeladen. Über zahlreiche Elektroden, die über die Kopfhaut verteilt sind, wird gleichzeitig die jeweils bestehende Spannungsdifferenz zu einem neutralen Punkt registriert, wodurch mit Hilfe entsprechender Verstärkertechnik die minimalen Ladungsverteilungen über die gesamte Hirnoberfläche hinweg sichtbar werden. Die negative Aufladung bestimmter Rindengebiete zeigt mit einer nur geringen zeitlichen Verzögerung an, welche Rindgebiete mit bestimmten geistigen Tätigkeiten verbunden sind. Für die praktische Anwendung entscheidend ist die Beobachtung, dass sich bei der Registrierung der Veränderung des Gleichspannungsniveaus während der Lösung kognitiver Aufgaben eine erstaunliche Korrespondenz zwischen der Leistungsgüte und dem Verlauf des Gleichspannungspotentials ergibt: Vor den richtigen Lösungen zeigt sich eine stärkere Negativierung des betreffenden Rindengebiets als vor falschen Lösungen. Der nächste Schritt besteht darin, die Vorgabe von kognitiven Aufgaben bzw. von Lernmaterial an entsprechend leistungsbereite Zustände des Gehirns zu knüpfen. Mit der technischen Realisierung des ‚Brain-Trigger-Design‘ stellt sich schließlich die Frage, ob die spontanen Verschiebungen des kortikalen Aktivierungsniveaus willentlich beeinflusst werden können. Über eine einfache Biofeedback-Anordnung lernen die Versuchspersonen erstaunlich rasch, entsprechende Potentialveränderungen aktiv herbeizuführen. Aus ihren Selbstbeschreibungen erkennt man, dass Techniken zur Entspannung der Skelettmuskulatur einen möglichen Ansatzpunkt für die willkürliche Steuerung bilden. Guttmann sieht sofort die praktische Bedeutung dieser Befunde für die Leistungspsychologie, insbesondere aber auch für die Gestaltung des Schulunterrichts. In Zusammenarbeit mit der alten PÄDAK in der Ettenreichgasse werden Schulkinder im Klassenraum darauf trainiert, sich (und damit ihr Gehirn) in einen lernbereiten Zustand zu versetzen. Die praktische Arbeit in der Schule führt schließlich zur Frage, was die Schülerinnen und Schüler in einem solchen lernbereiten Zustand eigentlich lernen sollen. Guttmann und sein Team schlagen eine Gruppierung des Lernstoffs zu sogenannten Kerninformationen vor, deren Einprägen durch die beschriebene Technik erleichtert werden soll. Das so entstandenen LuS-Modell (LuS steht für Lernen unter Selbstkontrolle) wird in der Folge in einer eigenen Versuchsschule im Fürstentum Liechtenstein zunächst im Volksschulunterricht und später in aufbauenden Klassen bis zur Matura umgesetzt und durch ein eigenes Institut für Lernforschung laufend evaluiert. Nur nebenbei erwähne ich, dass aus diesem Institut und der Versuchsschule die Universität für Humanwissenschaften hervorgeht, die Guttmann als Gründungsrektor im Herbst des Jahres 2000 aus der Taufe hebt.

Zur Leistungspsychologie gehört auch die Ergopsychometerie. Der entscheidende Anstoß dazu kommt von Guttmanns Leidenschaft für das Bergsteigen und Bergklettern. In einer von ihm betreuten Dissertation zeigt sich, dass sich bei Anfängern eines Universitätskletterkurses die psychologischen Tests zur Vorhersage des realen Kletterverhaltens als unbrauchbar erweisen, mit Ausnahme eines Tests, der eine bestimmte Koordinationsleistung unter einer neutralen und unter einer Belastungsbedingung prüft. Wer im Test unter Belastung schlechter wird, schneidet auch im realen Kletterverhalten schlechter ab. Dass die Ergebnisse der Ergopsychometrie einige Grundannahmen der bisherigen Praxis der Testpsychologie infrage stellen, hat Guttmann weniger interessiert als die konkreten Anwendungsmöglichkeiten dieser Entdeckung. Als Beispiel sei hier nur aus der Sportpsychologie die Diagnose ‚Trainingsweltmeister‘ erwähnt – und die ‚Therapie‘: die aus den Untersuchungen zum LuS-Modell abgeleiteten Methoden zur Steuerung des Aktivierungsniveaus.

Für die Generation, der Guttmann als Naturwissenschaftler angehört, nicht ganz untypisch ist, dass man das zumeist schon in jungen Jahren verfolgte Interesse an philosophischen Fragen und (was heute eben keine Selbstverständlichkeit mehr ist) die dabei erworbene philosophische Bildung feinsäuberlich von der eigenen Forschungsarbeit getrennt zu halten versucht. Im Falle Guttmanns beginnt sich das zu ändern, als er mit Konrad Lorenz und seinem Altenberg-Kreis in engeren Kontakt kommt. Lorenz‘ (im Übrigen stark von Karl Bühler geprägten) Beiträge zur Entwicklung einer evolutionären Erkenntnistheorie machen ihm deutlich, dass naturwissenschaftliche Forschung und Philosophie sich durchaus gegenseitig befruchten können. Für Guttmann eröffnet sich von hier aus in erkenntnistheoretischer Hinsicht der Weg in den Konstruktivismus – eine Wendung, die es ihm in der Folge auch erlaubt, sein Wissen um asiatische Weisheitslehren und insbesondere auch um den Buddhismus in seine psychologische Forschungsarbeit einzubeziehen. Zunächst sind es jedoch neurophysiologische Untersuchungen über Schmerz und Hypnose, die ihn zur Beschäftigung mit veränderten Bewusstseinszuständen und schließlich zur Formulierung einer neurobiologisch argumentierten Bewusstseinstheorie führen: Mit seinem Team kann er zeigen, dass auch bei hypnotisch suggerierter Analgesie das mit dem bewussten Erleben von Schmerz verknüpfte neurale Signal zur Hirnrinde gelangt. Guttmann erklärt dieses Paradoxon damit, dass bewusstes Erleben nur dann auftritt, wenn das dafür zuständige Rindenfeld ausreichend aktiviert, d.h. im EEG die lokale Negativität erhöht ist. Die Ausweitung dieser Untersuchungsrichtung auf Meditation, Trance und andere altered states of consciousness erfolgt dann unter dem Einfluss der Begegnung mit der Sozialanthropologin Felicitas Goodman, die sich vor allem für schamanistische Techniken und latein-amerikanische Trance-Rituale interessiert. Zahlreiche am Wiener Psychologischen Institut unter Guttmanns Leitung entstehende Untersuchungen zeigen in der Folge, dass und wie sich verschiedene Bewusstseinszustände in Bezug auf die sie begleitenden hirnelektrischen Vorgänge unterscheiden.

In Guttmanns großen Vorlesungen im Audimax über Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie finden sich die Ergebnisse seiner jeweils aktuellen Untersuchungen sowie der korrespondierende internationale Forschungsstand ganz selbstverständlich eingebaut. Nicht immer können die Hörerinnen und Hörer den Höhenflügen des Vortragenden folgen (ich erinnere mich an erstaunliche Ausflüge in fraktale Geometrie und Chaostheorie), allen aber ist seine rhetorische Brillanz bewusst: diese Kunst, sein Publikum durch eine Erzählung zu fesseln und mit der Freude an der universitären Lehre Neugier und Respekt für die wissenschaftliche Forschung zu wecken. Was die wenigsten der Tausenden von Studierenden, die seine Vorlesungen gehört haben, wissen, ist, dass Guttmann all seine Beschäftigungen neben seinen wissenschaftlichen Verpflichtungen mit derselben Ernsthaftigkeit und Ausdauer betrieben hat: den Wassersport: das Segeln (als Vorschoter hat Guttmann in der Pirat-Klasse eine Staatsmeisterschaft gewonnen) und Tauchen; das Laufen, Klettern und Bergsteigen; die Sternenkunde und buddhistische Meditationstechniken etc. Was von ihm und durch sein Vorbild aber vor allem zu lernen ist, sind die humorvolle Aufmerksamkeit und die Freundlichkeit, mit der er das Tun der anderen begleitet hat. Denn in vielem, das er geleistet hat, ist Giselher Guttmann stets auch dieses gewesen: ein ‚Ermöglicher‘, d.h. jemand, der mit und durch seine Arbeit vielen Jüngeren Wege zu und in der Wissenschaft eröffnet, eben ‚ermöglicht‘ hat. Beim Aufbau der Sigmund Freud Privatuniversität ist er als Gründungsdekan und als Vorsitzender des Senats Pate gestanden, die Entwicklung einer selbständigen Fakultät für Psychologie hat er tatkräftig unterstützt und gefördert. Für mich persönlich ist sein Tod ein großer Verlust: Ich verliere meinen Lehrer, Mentor und Ratgeber, vor allem aber verliere ich: einen Freund.

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Benetka
Dekan

 

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